Geschichte Orthodoxie

Kreta und das Herz einer Frau – eine wahre Geschichte

Argyro Stefanaki (Αργυρώ Στεφανάκη) wurde 1923 auf Kreta als erstes von fünf Kindern in einem Dorf nahe Heraklion geboren. Sie war eine große, wunderschöne Frau von natürlicher Anmut. Sie verliebte sich in einen jungen Mann, doch noch bevor sie heiraten konnten, brach der Krieg aus. Der junge Mann zog fort und kämpfte gegen die Italiener. Nach der Kapitulation kehrte er nach Kreta zurück, um auch dort gegen die Deutschen Widerstand zu leisten. Eines Tages geriet er in deutsche Gefangenschaft und wurde zur Hinrichtung abgeführt.

Als Argyro davon erfuhr, eilte sie zum Ort der Exekution. Dreißig Griechen standen an eine Mauer gestellt, ihnen gegenüber zehn deutsche Soldaten mit erhobenen Gewehren, wartend auf den Schießbefehl. Aufrecht, stolz und schön ging Argyro an ihnen vorbei und senkte, einen nach dem anderen, die Läufe der Gewehre.

Alle erstarrten. Der für die Hinrichtung verantwortliche Offizier ließ sie zu sich rufen.
„Was tun Sie da? Was wollen Sie?“
„Mein Verlobter ist hier“, antwortete sie ruhig. „Entweder lassen Sie ihn frei – oder erschießen Sie auch mich.“

Der Offizier verneigte sich. Solchen Mut, eine solche Hingabe hatte er noch nie erlebt.
„Nehmen Sie ihn und gehen Sie“, sagte er.
Mit unerschütterlichem Mut widersprach sie: „Nein. Entweder alle – oder stellen Sie auch mich an die Wand.“
Mit diesen Worten ging sie auf die Verurteilten zu.

Der Kommandant war sprachlos, ebenso die Soldaten. Schließlich sandte er eine Nachricht an den Führer selbst, der seine Bewunderung äußerte und den Wunsch, diese heldenhafte Griechin kennenzulernen. Allen Gefangenen wurde das Leben geschenkt.

Argyro und ihr Geliebter heirateten und bekamen ein Kind. Doch nach der Geburt brach bei Argyro die schreckliche Krankheit der Lepra aus. Sie musste ihren Mann verlassen, ihr neugeborenes Kind, ihr Zuhause und das ganze Gefüge ihres bisherigen Lebens. Man brachte sie nach Spinalonga – auf die Insel der Verdammten, wo sie das Schicksal der Ausgestoßenen erwartete.

Το νησί της Σπιναλόγκα – Καλυδών, Κρήτη. Πανοραμική εικόνα από το βουνό.

Der Vater blieb mit einem Säugling zurück. Er suchte verzweifelt eine Amme und fand Hilfe bei einer Frau in Chania, am anderen Ende Kretas. Monate vergingen. Argyro verzehrte sich vor Sehnsucht nach ihrem Kind und fasste schließlich einen waghalsigen Entschluss.

In einer Nacht sprang sie ins Meer und schwamm bis zum gegenüberliegenden Festland. Ihre Kleidung hatte sie zu einem Bündel geschnürt und über dem Kopf festgebunden. Sie ging sieben Tage und Nächte zu Fuß, allein, verborgen aus Angst, entdeckt und gesteinigt zu werden – fast ohne Nahrung und Wasser –, bis sie schließlich Chania erreichte und das Haus der Amme fand. Die Adresse hatte sie aus den heimlichen Nachrichten ihres Mannes erfahren.

Doch das Haus war leer. Sie setzte sich abseits in den Hof und wartete. Schließlich kamen mehrere Frauen – eine jüngere und zwei oder drei alte. Alle in schwarz gekleidet. Aus der Ferne sprach Argyro sie an und stellte sich vor.
„Sagt mir nur, ob es meinem Kind gut geht. Lasst mich es wenigstens aus der Ferne sehen“, flehte sie.
Die Antwort traf sie wie ein Schlag: „Dein Kind ist gestern Nacht gestorben. Wir haben es gerade beerdigt. Wir kommen vom Friedhof.“ Argyro sammelte ihren unermesslichen Schmerz, und machte sich schweigend auf den Rückweg. Jahre vergingen. Argyro blieb auf Spinalonga.

Eines Tages erhielt sie eine Nachricht von ihrem Mann: Er wolle wieder heiraten. Er war jung, und für sie gab es keine Hoffnung auf Heilung oder Rückkehr. „Mit ganzem Herzen und all meiner Liebe“, antwortete sie ihm.

Am Tag seiner Hochzeit wagte sie erneut das Unmögliche. Sie schwamm heimlich ans Festland und nahm – aus der Ferne – an der Trauung teil. Als die Zeremonie zu Ende war und die Menschen sich langsam zerstreuten, blieb sie noch eine Weile im Hintergrund stehen. Erst als Ruhe eingekehrt war, machte sie sich auf den Weg und folgte ihnen nach Hause – in das Haus, das einst ihr eigenes gewesen war, ihr geerbtes Haus.

Die Braut öffnete die Tür. Als sie Argyro sah, zuckte sie zusammen, überrascht von der unerwarteten Besucherin. Argyro stellte sich ruhig vor, ohne Eile, ohne Vorwurf. Dann sagte sie nur leise: „Du hast einen guten Mann. Liebe ihn.“
Mehr brauchte es nicht. Aus ihrer Tasche nahm sie ein kleines Geschenk: einen Geldbetrag, den sie über lange Zeit hinweg mühsam zusammengespart hatte, Münze für Münze, von ihrem kärglichen Zuschuss.

Sie trug den Wunsch in sich, die Braut zu küssen – geboren aus einem stillen, schmerzhaften Verlangen: Wenn ihr Mann sie später küssen würde, sollte sie für einen Moment so empfinden, als sei dieser Kuss bei ihr angekommen, als hätte sie durch diese Berührung selbst einen Platz in seiner Nähe bewahrt. Die Braut erwiderte den Kuss, trotz Argyros‘ Krankheit. Darin lag etwas Sanftes und zugleich Mutiges, ein wortloses Einverständnis, ein tiefes Mitgefühl ohne jede Erklärung. Für einen Atemzug lang verband sie beide dieselbe Ahnung von Verlust und Liebe.

Es blieb nicht bei diesem einen Besuch. Jedes Mal, wenn diese Frau später ein Kind zur Welt brachte, erschien Argyro wieder auf dieselbe stille Weise zur Taufe. Sie stand am Rand der Feier und vergaß nie, ihr kleines Geldgeschenk zu hinterlassen – so viel, wie ihre Armut ihr erlaubte.

Im Jahr 1957 wurde das Lepraheim von Spinalonga geschlossen. Das Heilmittel gegen Lepra hatte auch dort Einzug gehalten.

Diejenigen, deren Krankheit sich noch in einem frühen Stadium befand, wurden geheilt und kehrten zu ihren Familien zurück. Die älteren Patienten jedoch, bei denen irreversible sichtbare Schäden zurückgeblieben waren und die meist sogar von ihren Familien vergessen worden waren, wurden – obwohl sie nun als ungefährlich galten – in eine spezielle Abteilung des Krankenhauses für Infektionskrankheiten in Agia Varvara bei Athen verlegt.

Dort wurde Argyro zu einer stillen Dienerin der ältesten und schwächsten Kranken. Sie begegnete dem „Heiligen Nikiforos dem Aussätzigen“ und dem „Heiligen Eumenios Saridakis“ und erfuhr die unendliche Liebe Gottes. Gemeinsam mit zwei oder drei anderen Frauen pflegte sie die Kranken, wusch sie, kleidete sie und bereitete sie, wenn ihre Stunde gekommen war, für die letzte Ruhe vor. Bemerkenswert war auch ein Gelübde, das sie schon lange zuvor abgelegt hatten:
„Lass, oh Gott, das Heilmittel gegen Lepra gefunden werden – nicht für uns, sondern für die jungen Menschen, die ihre Würde und ihr Leben verlieren. Und wir werden niemals Öl essen.“

Als das Heilmittel schließlich gefunden war, hielten sie ihr Versprechen. Sie nahmen kein Öl mehr zu sich. Selbst zu Ostern, um die Fastenregeln symbolisch zu lockern, tauchten sie ihren vom Leiden verstümmelten Finger in das Öl der Öllampe und berührten damit ihre Lippen – um die Auferstehung zu ehren, ohne ihren Schwur zu brechen.

Das war Argyro. Wer weiß, wie viele weitere Kostbarkeiten ihr leidvolles Leben verborgen hielt.

Ein duftendes Zeugnis

Argyro entschlief friedlich am 12. Juli 2014. Bei der Erhebung ihrer Reliquien am 26. Juli 2017 offenbarte sich ihre Herrlichkeit: Ihr Leib verströmte einen wohlriechenden Duft – der Leib jener Frau, die zu Lebzeiten die Entstellung und den Geruch ihres kranken Körpers hatte verbergen müssen.

In der orthodoxen Kirche gilt die Erhebung der Reliquien als ein bedeutendes kirchliches Ereignis und steht häufig im Zusammenhang mit der Anerkennung der Heiligkeit eines Menschen durch die Kirche und das gläubige Volk. Der wohlriechende Duft wird in der orthodoxen Tradition als wahrnehmbares Zeichen der Gegenwart des Heiligen Geistes verstanden.

Ihr Leben wird heute sogar verfilmt, um Zeugnis von ihrem Glauben, ihrer Geduld und ihrer Heiligkeit abzulegen.

Aus dem Griechischen übersetzt auf der Grundlage von Vorträgen sowie des Artikels https://www.pemptousia.gr/2020/01/argiro-mia-chrisi-askitria-ston-kosmo/.“


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1 Comment

  • Reply Anonym 25. Januar 2026 at 17:37

    Danke für dein Kreta

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